Hohlbein und der Roboterhund

Als Kind war ich verrückt nach Büchern und Computern.

Eines der Bücher, das mich am meisten gefesselt hat, war "Schattenjagd" von Wolfgang Hohlbein. Ich stellte mir vor, wie unfassbar es wäre, ebenso wie der 13jährige Protagonist in eine virtuelle Welt eintauchen zu können. Und hätte es natürlich nicht für möglich gehalten.

Ich weiss noch genau, in welchem Regal unserer Stadtbibliothek das Buch stand, und wie oft ich es immer wieder in die Hand nahm.

Diese unglaubliche Vorstellung eines Spielerlebnisses, so real wirkend wie du und ich, hat mich lange begleitet und ich habe oft an dieses Buch zurückgedacht.

Und nun ist es soweit. Was damals noch Science Fiction war, wird heute, 20 Jahre später, zur Realität:

Ich befinde mich auf einem Schloss und überblicke die weite Landschaft. Mir wird ein wenig schwindelig, als ich in den Abgrund direkt vor mir schaue.

Dabei vergesse ich fast, aber nicht völlig, dass ich eigentlich nur mit offenem Mund im dunklen Wohnzimmer auf einer 3x3m großen Fläche, leicht eingeschränkt durch schwere Kabel, die von meinem Kopf hängen, stehe.

Vermutlich zwei, drei Stunden später - ich habe jegliches Zeitgefühl verloren -, setze ich die schwere Brille ab und fühle mich ganz seltsam.

Was habe ich da gerade erlebt?

Die erste Demo habe ich direkt abgebrochen und das Spiel gewechselt. Die auf mich zustürmenden Skelette haben mich gekillt. Die Immersion ist trotz der nicht sonderlich hochauflösenden Grafik gewaltig und ich verspüre ein enormes Unbehagen bei dem Gedanken, diese Dinger noch mal auf mich zurennen sehen zu müssen.

Ist das dieses geradezu magische Erlebnis, von dem ich so lange träumte?

Nee. Das hat mir einfach nur Angst eingejagt.

Ich besuche lieber eine Kathedrale in Frankreich. Ich beuge mich herunter und versuche die Grabinschrift zu entziffern. Ich laufe ein paar Schritte herum, lausche der leisen Musik. Freier bewegen kann ich mich nur mit dem Controller, mit dessen Hilfe ich mich im Raum umher teleportiere. Was eigentlich nur noch fehlt, ist dieser schwere Geruch alten Gemäuers.

Ich besuche alle verfügbaren Orte und mein Gehirn gaukelt mir mal um mal vor, dass ich jetzt die kühle, raue Steinmauer fühlen kann, wenn ich doch nur die Hand ausstrecke, oder aufpassen sollte, dass ich nicht über einen Treppenabsatz stolpere.

An das schwere Kabel verschwende ich keinen Gedanken mehr.

Selbst die Steam-Oberfläche, mit der ich zu einem anderen Spiel wechsele, reisst mich nicht aus diesem unbeschreibbaren Erlebnis, ich muss auf einmal an die Matrix denken und grinsen.

Ich entscheide mich für "The Lab" und finde mich in einem Labor von Aperture Science wieder. Begrüßt werde ich von einem kleinen Roboterhund. Ich beuge mich herunter und fahre mit den Controllern über den Kopf des Hundes, bis er sich begeistert auf den Rücken wirft.

Im Raum verteilt stehen viele Aufbauten mit einem glänzenden Orb davor. Ich gehe zu der, die am interessantesten aussieht, und berühre den Orb.

BOOM.

Ich stehe in einer schummerig beleuchteten Steinhütte. Der kleine Raum ist vollgestopft mit allerlei Krimskrams, auf den alten Holzregalen stehen schwer aussehende Fernrohre, Glasfläschchen und Gegenstände, die ich nicht identifizieren kann. Von den dicken Holzbalken über mir hängen allerlei Dinge, die sich langsam im Luftzug bewegen.

Und vor mir steht ein riesiger Mensch und redet mit mir. Er reicht mir seine Hand und ich strecke die meine aus, um das Licht zu nehmen, das er mir anbietet.

Was folgt, ist das absolut unfassbarste Erlebnis, die pure Magie der virtuellen Realität. Und das ist der Moment, in dem ich einfach völlig vergesse, das ich eben NICHT wirklich dort bin.

Ich erlebe endlich das, worauf ich 20 Jahre lang gewartet habe - die perfekte Immersion.

Ich bin völlig euphorisch und dann enttäuscht, als die Szene endet und ich ins Labor zurückkehren muss - was ich erst später realisiere: das Zurückkehren fühlt sich so natürlich an. Mein Hirn hat die Illusion geschluckt.

Ich besuche alle Orb-Welten, teils mehrmals, verabschiede mich schließlich von dem kleinen Roboterhund und setze die Brille ab.

Mir wird klar:

Ich habe den ersten Hauch tatsächlich überzeugender, virtueller Welten gespürt. Ich denke an Schattenjagd und schüttle ungläubig lachend den Kopf.

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Mag Faultiere, gärtnert gerne, und hat noch keine eckigen Augen bekommen.
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