Über die Lust am Gruseln

Was bringt uns eigentlich dazu, regelmäßig Filme anzusehen, in denen die Protagonisten Psychoterror, Spuk oder Monstern ausgesetzt werden? Weshalb lieben wir es, uns zu fürchten?

Als Kind war ich ein absoluter Bücherwurm und habe die gruseligsten, unheimlichsten Erzählungen und alles was ich über paranormale Phänomene, Okkultismus und alte Kulturen in die Finger bekam, verschlungen. (Bitte sagt mir, dass ihr auch noch diese schwarz eingebundenen Time Life-Bände kennt.)

Darunter waren auch mal Bücher über Aliens, weshalb ich viele, SEHR viele Nächte nur sehr schlecht einschlafen konnte, oder später auch die hochwertige RTL II-Abendunterhaltung wie "Chucky die Mörderpuppe" oder noch besser: "Pinocchio - Puppe des Todes"! I shit you not. Hier der Trailer. Haha. Ich hatte sehr lange Zeit in meinem Kinderzimmer eine "lustige" Zauberermarionette hängen und nach diesen Filmen gab es auch wieder viele, viele halb schlaflose Nächte, bis das Ding schließlich weggehängt wurde.

Trotzdem hat mich das nicht davon abgehalten, als Kind und Teenager am liebsten Horror oder Grusel zu lesen. Filme waren damals noch kein großes Thema für mich, da es bis auf Free-TV und Videokassetten ja keine Bezugsquelle gab, und ich zudem viel lieber gelesen als Filme geschaut habe.

Diese Faszination hat sich bis heute in fast unveränderter Weise durch mein Leben gezogen.

Ich liebe es einfach, mich zu füchten.

Doch warum?

Sehen wir uns zunächst zwei zentrale Begriffe und ihre Etymologie an, um darauf aufbauend zu den Theorien zu kommen.

Etymologie: Das Unheimliche, Ungeheure

Diese Passagen finden sich im deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm:

heimlich

  • aus dem mittelhochdeutschen heimelîch, heimlîch
  • vertraut, einheimisch (heim-lich, von Heim und Haus)
  • „heimlich ist auch der von gespensterhaftem freie ort: es ist im hause heimlich“
  • „aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter der Begriff des fremden äugen entzogenen, verborgenen, geheimen“
  • „die bedeutung des versteckten, gefährlichen [...] entwickelt sich noch weiter, so dasz heimlich den sinn empfängt, den sonst unheimlich hat“

unheimlich

  • im Mittelhochdeutschen: nicht vertraut, fremd, auch: ungesetzlich, unrechtmäßig, unberechtigt

geheuer

  • „der neuhochdeutsche rest eines alten wichtigen wortes“
  • von mittelhochdeutsch gehiure = angenehm, sanft, althochdeutsch hiuri = freundlich, lieb
  • desweiteren mittelhochdeutsch: hiure = bin, mache.
  • heuer im Mittelhochdeutschen auch "Heumacher", oder im Niederdeutschen "Miete, Pacht"

ungeheuer

  • „wie geheuer familiaris, bezeichnet ungeheuer infamiliaris, ursprünglich ohne antheil an familie, hausgenossenschaft, hauswesen, heim, heimat und ihrem sittigenden, beglückenden einflusz.“
  • mittelhochdeutsch: unbehiuret = nicht beglückt
  • Synonyme: unheimlich, ungeheim, ungemein, elend, fremd, wild, unkund

Entfremdung, Angstlust, Instinkt

Sowohl un-heimlich und un-geheuer tragen also eigentlich eine vertraute Kompontente, das Heim, das Zuhause, in sich.

In seinem Essay "Das Unheimliche" führt Sigmund Freud auch aus: das Unheimliche ist etwas einst vertrautes, das entfremdet oder überwunden und so zum Unvertrauten wurde.

Besonders gute Beispiele hierfür wären das Subgenre Haunted House oder auch Monster-Mythen, die oft die un-heimliche, un-geheuere Verwandlung des eigenen menschlichen Körpers thematisieren, wobei die Verwandlung durch Naturgewalten oder krankheitsartige Übertragung unaufhaltbar in Gang gesetzt wird.

Psychoanalytiker Michael Balint beschreibt das Gefallen am Grusel als Konzept der Angstlust: Wenn wir uns einer Gefahr aussetzen, fühlen wir uns nach deren Beseitigung umso intensiver geborgen und sicher. Die Wurzel dieser Angstlust sieht er als in der frühen Kindheit verankert: Die Furcht beim Verlassenwerden von der eigenen Mutter, und die übergroße Erleichterung und Freude bei ihrer Rückkehr.

Und wo können wir uns einer Gefahr gefahrloser aussetzen als in der Fiktion? Wir können das Buch einfach zuklappen oder den Film ausschalten. (Würde ich stets einem Fallschirmsprung vorziehen. :n)

Der Psychologe Colin Beer hat wiederum eine andere faszinierende Theorie, die das Phänomen im Überlebenskampf unserer Vorfahren verankert sieht: Erlebnisse, die Angst auslösen, aus der Distanz zu betrachten, könnte der eigenen Sicherheit gedient haben. Aus der Distanz wäre es möglich gewesen, Wissen über die Vermeidung von Gefahren zu sammeln, um die Sicherheit der eigenen Gruppe zu gewährleisten.

Glaubt man dieser Theorie, ist Gaffen also ein in uns tief verwurzelter Überlebensinstinkt. D'uh.

Nun zur gebräuchlichsten, naheliegendsten Theorie zur Lust am Schrecken:

Der Körper macht durch die Angst, egal ob fiktiv oder real, mittels Adrenalin mobil. Unser Herzschlag beschleunigt sich, wir schwitzen, und besonders interessant: die Ausschüttung von Adrenalin lässt unseren Blutzuckerspiegel ansteigen.

Bis zu einem gewissen Punkt verschaffen wir unserem Körper also ein angenehmes Level der Anspannung, aber eben ohne reale Gefahr.

Safety first

Glaubt man an die o.g. Thesen, so ist das Vergnügen am Unheimlichen also alles andere als ungewöhnlich oder unnatürlich.

Doch tatsächlich wird mein "Schaust du gern Horrorfilme?" in den meisten Fällen mit "Nein" und einem schrägen Blick beantwortet.

(Ich antworte dann wiederum immer mit einem enttäuschten Blick.)

Dabei dient das doch alles nur unserer eigenen Sicherheit - wer soll denn im Fall einer Zombieapokalypse, wenn ein Exorzismus gebraucht wird, oder bei einer Alieninvasion sonst wissen, was zu tun ist?

Darum: Für mehr Horror - für mehr Sicherheit!

Podcast: Watchalot Folge 1 - Horrorfilme

Bock auf mehr Horror-Geschichte und Filmtipps?
t berium, gamer_flo und ich quatschen in der ersten regulären Folge unseres Podcasts übers Genre, dessen Historie und natürlich unsere liebsten Horrorfilme.

Hier hören oder downloaden: Watchalot Podcast Folge 1


Quellen:

Titelbild:
https://www.flickr.com/photos/jasontrbovich/22148645566/
Creator - JASON TRBOVICH
Title - frozen in carbonite
Rights - JASON T TRBOVICH
Website: www.realcowboysdrivecadillacs.com/
CC BY 2.0

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961.

Thomas Saum-Aldehoff: Die Lust am Schrecken.

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Mag Faultiere, gärtnert gerne, und hat noch keine eckigen Augen bekommen.
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