Essensschlacht

Während der eine sich in fast schon religiöser Weise damit beschäftigt, was er jeden Tag isst, bemüht sich der andere vielleicht hauptsächlich darum, mit dem vorhandenen Budget über die Runden zu kommen, oder ist froh, wenn er nach einem harten 10-Stunden-Tag einfach irgendetwas schmack- und hoffentlich Nahrhaftes zwischen die Zähne bekommt.

Und so ist die Ausgangslage zu einer Diskussion über Ernährung in der Regel auch komplett unterschiedlich. Grundsätzlich scheinen diese aber stets eines gemein zu haben: das Thema ist ab-so-lu-ter Zündstoff.

Warum ist das so?

Eines vorneweg: Ich glaube an die Meinungsfreiheit, und die Freiheit des Einzelnen, im Rahmen der aktuellen Gesetze seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Ich glaube daran, dass es oftmals nicht nur Schwarz und Weiß im Leben gibt und jeder Mensch abhängig von seiner aktuellen Lebenslage, seinen Prioritäten und seinen Möglichkeiten für sich entscheiden muss, was das Richtige für ihn ist. Das Recht, frei zu entscheiden, welches ich selbst einfordere und nutze, muss ich auch anderen gewähren - auch wenn es mal nicht in mein Weltbild passt.

Um einen Einblick in die Art von Diskussion zu erhalten, die Ernährung auslösen kann, muss man sich ja nur mal auf Youtube rumtreiben und die Kommentare zu entsprechenden Videos durchlesen.

Gefühlt habe ich schon mindestens 3x Gehirnkrebs davon bekommen.

(Aber zum Glück wird mir auch hier von Youtube direkt die passende Videoempfehlung ausgespielt. Puhhhh, Glück gehabt!)

Und wer kennt es nicht, das Klischee über missionierende Veganer:

Wieso muss das Thema meist zwangsläufig mit Vorwürfen und dem Gefühl einer Überlegenheit besprochen werden? Welche Rolle spielt dabei Tradition, Prägung und Identifikation über das Thema Ernährung?

Tradition: der Festtagsbraten

In meiner Kindheit und Jugend war es völlig normal, fast jeden Tag Fleisch und regelmäßig Fisch zu essen. Egal ob Abendbrot mit Fleischkäse, das Schnitzel im Restaurant, oder Hase zu Ostern. Ich habe das nie hinterfragt oder eine emotionale Assoziation zwischen der süssen Kuh auf der Weide und dem leckeren Gulasch gehabt.

Gleichzeitig habe ich Tiere über alles geliebt.

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich die Verbindung zwischen meinem Essen und dem Tier erstmals wirklich begriffen habe: meine Eltern waren mit mir, 6 oder 7 Jahre alt, in einem Fischrestaurant. Dort sollte ich mir, direkt aus den zahlreichen Aquarien, das ahnungslos herumwuselnde Meeresgetier aussuchen, das dann später auf meinem Teller landen sollte.

Ich erinnere mich noch lebhaft daran wie schrecklich ich das fand, und dass ich meine Eltern stattdessen zu einem anderen Abendessen für mich überreden konnte.

Auch als ich das erste Mal als Kind begriff, woraus meine Leibspeise Rotwurst WIRKLICH gemacht wird, weil an der Wursttheke auf einmal "Blutwurst" stand, wollte ich die danach nicht mehr essen. Hab ich tatsächlich auch nicht.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Nur in den Momenten, in denen die direkte Verbindung zwischen dem, was ich später auf dem Teller haben sollte und den Tieren, die ich doch so gern hatte, geschaffen wurde, lehnte ich mein Essen ab.

Was neutral und zubereitungsfertig in seiner Plastikverpackung lag, löste bei mir keine Emotion aus, obwohl ich rational natürlich stets wusste, woher mein Essen kommt.

Genau so wenig weiss ich heute im Detail, woher mein 5-Euro-Shirt von der großen Kette mit zwei Buchstaben stammt - wobei ich mir ja eigentlich darüber bewusst sein sollte, dass "Made in Pakistan" meist für schlechte Arbeitsbedingungen, miserable Bezahlung und einstürzende Fabriken steht. Ich habe es trotzdem gekauft. Bei der nächsten Schlagzeile über eine brennende Fabrik und zig tote Kinderarbeiter bin ich dennoch wieder betroffen.

Unsere Versorgung findet in ihrer Produktionskette völlig losgelöst vom Verbraucher statt. Solange wir etwas nicht direkt wahrnehmen, scheint es nicht stattzufinden.

Ich kann nur von mir ausgehen: Dem empfundenen Mitgefühl und Mitleid keine logische Konsequenz folgen zu lassen, die den Komfort des eigenen täglichen Lebens beeinflusst, verursacht jedem verständlicherweise Unbehagen.

Und - auch da kann ich wieder nur von mir selbst ausgehen - vielleicht gehen Menschen auch meist genau da auf die Barrikaden, wo sie mit unangenehmen Gedanken, die sie selbst schon hatten, einer Diskrepanz zwischen Überzeugung und Handeln, offen konfrontiert werden.

Konsumkomplexität und Identifikation über den eigenen Konsum

Natürlich kann ich mir nicht den ganzen Tag nur drum Gedanken machen, woher absolut alles, was ich konsumiere, kommt und welchen Weg es geht. Und natürlich ist mein Konsum etwas, das anderen Menschen ihren Arbeitsplatz sichert. Und natürlich bin ich auf bestimmte Dinge einfach angewiesen.

Und ist der Mensch nicht erwiesenermaßen ein Omnivore und auf Fleisch angewiesen? Aber was sagen denn großangelegte Studien?

Ist hoher Fleischkonsum schlecht fürs Klima und Gemüse viel besser, oder ist das Panikmache?

Und wieso sagen einem eigentlich STÄNDIG "alle Veganer", dass sie Veganer sind, als würde es sich um einen religiösen, seitan-anbetenden Kult handeln? Wobei es manchmal durch diskriminierende Kommentare gegenüber Fleischessern eher so scheint, als würden sie Tiere mehr lieben als ihre Mitmenschen und wären ziemliche Arschlöcher, die sich für etwas Besseres halten? ¹

Und wird für deren Soja nicht der Regenwald abgeholzt und "vegan" und "bio" ist mehr Trend als echtes Interesse?

Und werden durch mögliche Entwicklungen wie Laborfleisch, u.a. von Bill Gates und Google finanziert, nicht zahlreiche Branchen hinfällig, sodass potentiell viele Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren könnten?

Und wieso streichle ich meinen Vierbeiner, dem ich einen Namen gegeben habe, und kann den Gedanken daran nicht ertragen, dass ihm Leid zugefügt wird, während ich meine Currywurst esse, gleichzeitig bin ich aber schockiert darüber, dass jährlich ein Hundefleisch-Festival in Yulin stattfindet, bei dem Hunde und Katzen gegessen werden?

Sind vielleicht die Traditionen, mit denen ich groß geworden bin, aus einer ganz anderen Ausgangssituation entstanden und es würde sich für mich lohnen, sie mit einem möglichst unvoreingenommenen Blick und den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen an der Hand zu betrachten?

Oder ist es letztendlich total egal was ich mache, denn als einzelner Mensch habe ich mit meinem Handeln keinen Einfluß auf Weltklima, komplexe Gefüge von Missständen in der Welt, und wann ich nun tatsächlich ins Gras beisse?

Oder warum sollte ich mir darum überhaupt Gedanken machen?

Fakten statt Schockbilder

Die aggressive Überspitzung einer Diskussionen, verbunden mit dem Gefühl, die Wahrheit und Überlegenheit für sich gepachtet zu haben, verhindert schon im Ansatz, dass man sich tatsächlich Gedanken macht - wobei die Voraussetzung hierfür ein grundsätzliches Interesse am Thema ist.

Wäre es stattdessen nicht großartig, wenn jeder Verbraucher wüsste, woher sein tägliches Essen kommt (Produktionskette, Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft, Haltungsbedingungen von Tieren), oder wie hoch Landwirtschaft eigentlich subventioniert werden muss, sodass die Bauern überhaupt davon leben können?

Vielleicht wäre mancher dann auch bereit, z.B. die Grundlage für eine fairere Bezahlung von Milchbauern und bessere Haltungsbedingungen für Tiere zu schaffen?

Wäre es nicht ne gute Sache, wenn ich einfach mal aus Neugier heraus andere Rezepte ausprobiere und dann, basierend auf meiner eigenen Erfahrung, darüber entscheide, ob mir das schmeckt oder nicht? Wenn ich versuche, Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten? Einfach, weil ich es kann, es mich um eine Erfahrung bereichert und nicht weh tut?

Wäre es nicht sinnvoll, in einer solchen Diskussion Denkanstöße zu geben statt auf die eigene Überlegenheit zu pochen?

Author image
Mag Faultiere, gärtnert gerne, und hat noch keine eckigen Augen bekommen.
top